bodies (with)in fences: reviews

Der Standard, 25. Jänner 2013

Brillant: Das Tanzstuck "bodies (with)in fences" von Saskia Holbling und Laurent Goldring

Unsere Gesellschaft ist eine permanente Baustelle. Eine, die auf allen Ebenen von Zaunen durchzogen und mit Gittern gesichert wird. Wie sich diese Politik der Sperrung anfuhlt, veranschaulichen die osterreichische Choreografin Saskia Holbling und der franzosische Kunstler und Philosoph gerade mit ihrem beklemmenden Tanzstuck "bodies (with)in fences" im Wiener Wuk.

Das Setting bleibt auf das Wesentliche reduziert. Etwa 40 Gitterfelder, knapp hintereinander aufgestellt, bilden die Buhneninstallation. Auf und in diese sind zwei Frauen, Rotraud Kern und Holbling, sowie ein Mann, Franco Senica, verbannt. Es gibt ganz offensichtlich kein Entrinnen.

Dem Publikum wird bald klar, dass diese Installation drei Parallelwelten verbindet. Denn die Choreografie darin ist zwar darauf angelegt, als Statement zur Gesellschaftspolitik gelesen zu werden, funktioniert aber auch als existenzialistische Metapher im Sinn von Jean-Paul Sartres Geschlossene Gesellschaft. Auch dort geraten zwei Frauen und ein Mann in eine Holle der Sperrung. Auf einer dritten Ebene bringt "bodies (with)in fences" die Vergitterungen der menschlichen Psyche ins Spiel.

Die drei Figuren versuchen erst, sich an der Oberflache des Gitterfeldes zu halten, dringen dann aber doch in die engen Zwischenräume ein. Dabei zerhackt das Scheppern der Gitter die nüchternen Soundspharen von Nik Hummer. Die wechselnden Lichtebenen zeigen: Welche Perspektive auch eingenommen wird, die Unentrinnbarkeit bleibt.

Ohne Berg und Stein bewegt ein dreifacher Sisyphos nur sich selbst - und das auf der Stelle. Fur ihn gilt der Satz von Albert Camus, man musse sich Sisyphos "als glucklichen Menschen vorstellen", nicht. Eine radikale Position. Diese Arbeit positioniert sich konsequent außerhalb der "Matrix" - also des Gitters - von Entertainment und Politspektakel, deren Zaune sich durch die Psychen und Existenzbedingungen aller ziehen, die in ihr durchs Leben turnen.

Nach "body in a metal structure" ist "bodies (with)in fences" die zweite Zusammenarbeit von Saskia Holbling und Laurent Goldring. Das erste Stuck war schon ein Erfolg. Das neue nun trifft so richtig ins Schwarze.


Helmut Ploebst


tanz.at, 26. Jänner 2013

In einer Installation aus Baugittern arbeiten drei Körper, untersuchen die Möglichkeiten der Fortbewegung, überwinden Barrieren und sind am Ende dort, wo sie begonnen haben. Saskia Hölbling und Laurent Goldring haben auch die zweite Folge ihres „Squatting Projects“ für den öffentlichen Raum konzipiert, um das urbane Umfeld zu bereichern. Die Premiere fand im Projektraum des WUK statt.

 

Sisyphos heute. Die Metallgitter sind fragil, stehen zwar festgemauert am Boden, schwanken und schwingen dennoch, wenn sich Saskia Hölbling, Rotraud Kern und Franco Senica auf und zwischen ihnen bewegen. So wie die Körper ihren (vergeblichen) Parcours beginnen, oben auf den schmalen Stangen der Zäune, entwickelt sich die gesamte Performance. Als Gratwanderung. Dreifach müht sich Sisyphos auf dem Grat, ohne Ausweg ohne Ziel. Gefährlich und überaus anstrengend sieht es aus, was die drei PerformerInnen sich antun – ein Kampf mit den Gitterzäunen, die von der Künstlerin Gudrun Lenk-Wane so dicht aneinander gereiht sind, dass keine Gassen entstehen, durch die man fliehen könnte. Kaum je berühren die Drei den Boden, hängen hingegen kopfüber im Gestänge, wursteln sich darüber und darunter, begegnen und behindern einander, wirken wie ein sechsbeiniges Tier, das die Zuschauerinnen auf der anderen Seite der Installation vermutlich als dreiköpfig erleben. Mitunter blitzt das Bild einer Liebesgeschichte auf, zwei Frauen, ein Mann. Doch gleich zerfällt es wieder, jede(r) kämpft für sich allein. Sieger bleibt das kalte und zugleich doch schmiegsame Gebilde aus Gitterzäunen. Wenn diese Zäune erklommen und bestiegen werden, klingen und scheppern sie und ergänzen die, je nach dem Energiefluss der PerformerInnen, an- und abschwellende Toncollage von Nik Hummer. Reto Schubiger beteiligt sich am Geschehen mit differenziertem Licht. Bewegen sich die Körper im Takt von Licht und Ton oder geben sie mit dem vibrierenden Klingeln der Metallgebilde den Rhythmus für Musik und Sound, Licht und Dunkel an? Das perfekte Zusammenspiel aller an diesem klug erdachten Konzept lässt die Frage unbeantwortet.

Eine durch ihre Schwierigkeit und den körperlichen Einsatz aufregende Performance, die im freien Raum (innen oder außen) noch intensiver zu erleben wäre. Im kleinen Projektraum des WUK ist das Publikum auf zwei Seiten der Installation aufgeteilt und sieht quasi nur die Hälfte der bewegten Körperbilder. Herumgehend immer wieder die Perspektive zu ändern, würde höheren Gewinn bringen. Die nächsten Aufführungen des eindrucksvollen Projekts stehen noch nicht fest, doch werden die „Körper (mit) in Zäunen“ im Lauf des Jahres sicher (wie ja der erste Teil des „Squatting Projects“ von Hölbling/Goldring „body in a metal structure“ auch) an mehreren Orten, mit oder ohne Dach darüber, zu sehen sein.

Ditta Rudle