corps à corps: reviews

Kronen Zeitung, 28. Februar 2016

Vier TänzerInne erobern mit kreisenden Bewegungen den Bühnenraum. Die Szenen verdichten sich. Menschliche Körper und ausgezehrte Marionetten geraten aneinander, werden zum Knäuel, zum Menschen-Müllhaufen, zur vibrierenden Skulptur: Saskia Hölbling zeigt im Odeon ihr neues Stück „Corps à Corps“.

Bald hängen die vier - Adriana Cubides, Adrian Hussain, Jan Jakubal, Leonie Wahl - und ihre kopflosen Puppen wie tot in den zwei fahrbaren Stahlgestellen, bald turnen sie auf und zwischen den Stahlrohren, balgen oder verknoten sich in einem Haufen.

Wie Untote tauchen sie aus der Dunkelheit auf uns manipulieren ihre Doubles.
Und Wolfgang Mitterers spannende kompositorische Arbeit voll raffinierter Strukturen, Klangfarben und Geräuschen verdichtet die Bilder. Manchmal wie in einem Gruselfilm.

Eine Szenerie irrlichternder Gestalten in einer Tod inhalierenden Welt. Atmende Totenberge! Voll dunkler, Schreckliches ahnbarer Momente.

Man kann diesen Tanz aber auch nur vom choreografischen Konzept Saskia Hölbling her sehen: Als Bewegungsspiele, die ihre Spannung aus Verdichtung und Auflösung, aus dem gegensatzvon Mensch und Nicht-Mensch und der gegenseitigen Beeinflussung sehen. Spannend!

Karlheinz Roschitz


TANZSCHRIFT, 26. Februar 2016


Mit acht Körpern, zwei Tänzerinnen, zwei Tänzern, vier weiß gekleideten kopflosen Puppen, zeigt Saskia Hölbling im Odeon das Untergehen des Individuums in der Masse. Ausbruch ist kaum noch möglich, die Menge fängt den Einzelnen immer wieder ein. Mit einer fremden, neuen Körpersprache zaubert die Choreografin schöne, eindrucksvolle Bilder. Körper im Nahkampf.
Liebe ist das nicht, wenn zwei sich umarmen, aneinander reiben, die Gliedmaßen zu demontieren und neu zu ordnen versuchen. Aggressiv, nahezu verzweifelt bewegen sich die Körper der Tänzer_innen – Adriana Cubides, Leonie Wahl, Ardan Haussain, Jan Jakubal haben ihren eigenen Bewegungskanon und sind einander doch ähnlich, Avatare ihrer selbst. Gegenwehr wird versucht, ist kaum möglich.

Nur die stummen, kopflosen Puppen mit ihren schlenkernden Armen und Beinen – krallenartig ragt das hölzerne (Knochen-)Gerüst aus Händen und Füßen – lassen sich alles gefallen, hocken ihren Mittänzer_innen auf den Schultern, hängen in den beiden Stahlgerüsten rechts und links, der durch ein Gitternetz bedeckten Bühne (Bühne, Kostüme, Puppenbau: Gudrun Lenk-Wane), sind Liebesobjekt und Waffe, Trophäe und Gefährten. 

Auch die lebendigen Tänzer_innen dürfen sich, entspannt hängend, im Gestänge ausruhen, für sich sein, durchatmen. Doch die Ruhe währt nur kurz, schon bildet sich wieder die Menge, verschlingen sich die acht Körper ineinander, fallen zum leblosen Haufen zusammen, erheben sich als ekles Gewürm aus der Grube, finden wieder zueinander, können nicht voneinander lassen, suchen Gemeinschaft und ringen um Individualität.

Wesentlich für diese beeindruckende (auch etwas bedrückende) Performance ist die eigens dafür komponierte Musik von Wolfgang Mitterer. Unheimlich droht sie, treibt die Tänzer_innen an und hält sie auf, in den vier Solos scheint es, als würden sie gegen den Sturm der elektronischen Töne ankämpfen. Eckige Bewegungen, Schräglage, Balanceversuche auf einem Bein. Unheimlich sind die Geräusche, oft tropft Wasser, als bewegten sich die Körper in einem fremden Biotop. Stephen King geistert durch den Raum. Wird unsere Welt einmal so aussehen oder sieht sie bereits so aus?

Das Publikum im voll besetzten Odeon ist beeindruckt, der Applaus intensiv aber verhalten. Saskia Hölbling, deren Ensemble DANS.KIAS seit mehr als 20 Jahren besteht, zeigt immer wieder, dass sie nicht bei einmal Erreichtem stehen bleibt. 
Mit „Corps à Corps“, der durch Tanz und Musik doppelten Uraufführung, hat sie nach dem dreiteiligen Squatting Project“ eine neue Ebene erreicht, mit ihrem ausgezeichneten Team einen nie gesehenen Bewegungskanon entwickelt. Dass diese aufwändige Produktion nur noch zwei Mal gezeigt wird, ist kaum vorstellbar.

Ditta Rude


Der Standard, 26. Februar 2016

Die Wahnvorstellung, es wäre besser, das "schwache" Fleisch durch künstlich "intelligent" gemachte Blechtrottel zu ersetzen, heißt Posthumanismus.

Was ist da los? Der Körper sei "die verunsicherte, zerborstene Gewissheit", schrieb der französische Philosoph Jean-Luc Nancy in seinem vielgelesenen Buch Corpus, das jetzt der Wiener Choreografin Saskia Hölbling als Anregung für ihr neues Stück Corps à Corps dient – zu sehen bis Samstag im Odeon.

Hölbling hat auf zwei ihrer früheren Werke zurückgegriffen: assemblage humain, ein Solo mit Puppe, das Impulstanz im Vorjahr zeigte, und auf das mit dem französischen Künstler Laurent Goldring entstandene body in a metal structure von 2012. Aus einer weißen Puppe sind bei Corps à Corps vier geworden und aus einer Metallstruktur zwei Gestelle. Auf der Bühne konfrontieren sich zwei Frauen – exzellent: Adriana Cubides – und zwei Männer mit den lebensgroßen Gliederfiguren.

Der Tanz ist ein Antipode zum Posthumanismus, darauf baut auch Saskia Hölbling. In Corps à Corps liegt der dem Zeitgeist entsprechende Jammer um den anfälligen und sterblichen Körper fern.

Wer Nancy kennt, weiß, dass er ohne technische Assistenz schon längst tot wäre: In ihm schlägt ein künstliches Herz. Zum Posthumanisten hat ihn das nicht gemacht.

Insgesamt acht Figuren treiben in Corps à Corps ein Spiel um Wechselwirkungen zwischen Mensch und Marionette. Anfangs zeichnen sich leidenschaftliche Verhältnisse ab. Doch die Leidenschaften sind dunkel. Der Körper kennt keine Entspannung, sein kopfloser Wiedergänger dagegen bleibt locker. Wie auch nicht, er ist ja immer schon tot.

In seiner zweiten Hälfte wird das Stück zunehmend planlos. Möglicherweise ist das Absicht. Denn es könnte sein, dass die Choreografin so die Plan- und Ratlosigkeit widerspiegeln will, mit der menschliche Körper sich selbst und ihrer Organisation gegenüberstehen. Wenn das stimmt, wäre Corps à Corps ein gelungenes Statement, das diese Verwirrung nur nicht radikal genug vorträgt. Der Tanz endet im Aufgeben vor unlösbaren Problemen.

Die bis zur letzten Sekunde überzeugende Musik kommt von Wolfgang Mitterer, von Gudrun Lenk-Wane die Puppen, und Gerald Pappenberger ist für das im Rhythmus ständig drohenden Verlöschens komponierte Licht verantwortlich.

Helmut Ploebst