rrr...: interview

mit Saskia Hölbling
von Susanne Granzer
für HIGH NOON (electronic news magazine by Tanzquartier Wien)


Der Boden der Bühne, eine große, milchig weiß schimmernde Fläche, regelmäßig in schwarz gerandete Rechtecke unterteilt. In ihrer Mitte ein schwarzer Kubus, dahinter ein Drehstuhl.
Neben dem Kubus, später wird er sich als metallener Reisekoffer erweisen, steht eine dunkle Gestalt, mit einer Hand auf die „black box“ gelehnt, Gesicht und Oberkörper sind im Dunklen verborgen. Die Gestalt klopft mit einem Fuß auf den Boden, hart und rhythmisch. Ein Appell der Aufmerksamkeit, dem man sich nicht entziehen kann und soll. Nach einer Weile setzt sich die dunkle Gestalt auf den Drehstuhl, noch immer sind der Kopf und das Gesicht im Schwarz den Blicken entzogen. Licht. Man sieht eine blonde Frau, über deren Kopf ein roter, kleiner Kreis schwebt, ein Punkt, der unwillkürlich die Konzentration auf sich zieht, wie das Gesicht, das sich plötzlich dem Licht preisgibt. Ein erstes Wort: Punkt.
Eine „Lecture-Performance“, ein Tanz mit der Geometrie der Worte  beginnt, im Switch von Sprachen und im Switch der Dominanz des gewohnten Verhältnisses zwischen gesprochenem Wort und physischem Wort-Körper.  
 
rrr...(reading readings reading...): Könnte man bei rrr... von einem „physical closed-reading“ sprechen? Den Körper lesen? Hautnah?
 
Ja, hundertprozentig. Auf der einen Seite gibt es die textliche Ebene, das gesprochene Wort, auf der anderen Seite die physische Ebene, den Körper als Text. Beide schwingen ineinander, was aber nicht heißt, dass die Körperlichkeit dem Inhalt des Textes folgt. Anfangs scheint der gesprochene Text sehr mathematisch zu sein, fast linear, aber in seinem Prozedere wird er immer mehrschichtiger.

Weniger und weniger cartesianisch, könnte man sagen. Und daher wird er im Laufe seiner Entwicklung immer komplexer in seiner „Anschaulichkeit“ und „Anschauung“. Ähnlich verhält sich das auf der Ebene der Körperlichkeit. Am Anfang ist sie gestisch klar gesetzt, um, parallel zur Entwicklung des gesprochenen Wortes im Verlauf des Stückes, immer komplexer, multipler, sensorischer zu werden. Ja, insofern ist rrr... ein wirkliches „physical closed-reading“.
 
„Sprach-Körper“: In ihrer Performance werden philosophisch-wissenschaftliche Texte von ihnen selbst verbal gesprochen und physisch zur Sprache gebracht. Wie erfahren Sie als Tänzerin das Verhältnis von gesprochenem Wort und Körper-Sprache?

Das Interessante an rrr... ist, dass es zuerst eine Choreografie der Gesten gegeben hat. Der Text, den ich dazu geschrieben habe, ist diesen Gesten gefolgt. Das heißt, er war nicht die Grundlage, sondern zuerst hat sich über Improvisationen, auch über verbale Improvisationen, eine Grundstruktur in der Gestik entwickelt, deren Physikalität ziemlich klar war, und erst nachdem dieser Duktus ganz klar war, habe ich den Text dazu geschrieben. Und der Text hat dann nochmals den physikalischen Duktus beeinflusst. Dieser Prozess war spannend.

Meine erste Quelle war das Sichten des Materials der Body Portraits von Laurent Goldring, die ja am Anfang von rrr... stehen. Benoît (Lachambre) hat mich aufgefordert, über das gesamte Rohmaterial der Body Portraits, das ich mir angesehen habe, zu improvisieren, also meine Eindrücke darüber zu erzählen. Diese Eindrücke waren nicht deskriptiv, sondern die Bilder haben zu mir „gesprochen“, und diesem „Gesprochenen“ habe ich dann in den Improvisationen Ausdruck verliehen. Je mehr ich versuchte einzutauchen, desto komplexer wurde, was die Bilder auslösten, desto komplexer wurden ihre Anschauungsmöglichkeiten. Ganz wichtig war dabei immer ein Bezugspunkt, der das jeweilig Vergangene versammelte. Aus solchen Improvisationen hat sich die Gestensprache von rrr... aufgebaut, – und der ganz konkrete, wissenschaftlich-philosophisch gehaltene Text, den ich dann letzten Endes spreche, ist, wie ich schon anfangs sagte, aus der Gestensprache im Nachhinein entstanden.
 
„Schrift-Bild“: Beim Zuschauen habe ich Ihren Körper immer wieder als eine Art „Zeichen“, „Zeiger“, „Schriftbild“, „Buchstabe“, „Signifikant“, „Alphabet“ wahrgenommen und gelesen. Inwiefern ist der Körper selbst ein „Zeichen,“ etwas, das von hier nach dahin verweist und daher immer schon über sich hinausweist? Hinaus in die Umgebung, die den Körper auf andere hin öffnet?
 
Herkömmlich sind Gesten immer Akte, die einen gewissen Inhalt bestätigen, bekräftigen, bestärken. Das heißt, ich habe die Aussage und ich habe das Zeichen. Man könnte sagen, das sind zwei Dinge, also ich spreche und damit (sie macht eine Geste) affirmiere ich sie. Aber in rrr... gibt es diesen affirmativen Akt der Geste nicht. Es ist nicht zuerst das Wort und ich setze die Geste als Affirmation hinterher, sondern durch die Geste setze ich das Wort in den Raum, oder besser den Inhalt meines Gedankens in den Raum. Insofern sind das von Vornherein immer „Ganzkörpergesten“, die mit einem gewissen sinnlichen Inhalt gefüllt sind.


„Signifikant/Signifikat“: Im Laufe ihrer „Lecture-Performance“ (würden Sie das Wort akzeptieren?) kehrt sich für mich das klassische Verhältnis von Signifikant – von körperlichem Zeichencharakter – und Signifikat – dem ideellen Zeichengehalt – um. Anfangs scheint der ideelle Sinn des gesprochenen Textes den Körper zu beherrschen. Im Laufe der Performance kontrolliert die Sprache den Körper nicht mehr, sondern der Körper selbst wird eigensinnig. Er gewinnt an Eigensinn.

 
Ja, das stimmt. Anfangs kann man mehr von einem gestischen Lesen sprechen, das wir kennen, aus dem sich allmählich immer mehr ein physisches Lesen entwickelt. Auch die Dramaturgie des Stückes folgt dieser Entwicklung. Der Körper manifestiert sich mehr und mehr. Er wird immer bestimmender und das Wort verliert an Dominanz. Eigensinnig verstehen wir ja zumeist als störrisch. Aber nimmt man den Gehalt des Wortes Eigensinn wörtlich, ja, dann stimmt das total.
 
„Switching Languages“: Sie „switchen“ zwischen drei Sprachen hin und her. Englisch, Französisch, Deutsch. Verändert sich dadurch für Sie das Verhältnis von Sprache und Körper? Fühlen sich die einzelnen Sprachen für sie physisch anders an? Stimulieren sie unterschiedliche Körperzonen?
 
Saskia Hölbling: Ganz definitiv. Englisch, Französisch und Deutsch sind im Körper jeweils anders situiert. So könnte man es ausdrücken. Das ist spannend, weil sich diese drei Sprachen tatsächlich körperlich anders anfühlen. Es verändern sich die Tonhöhen, aber auch der Esprit. Deutsch zum Beispiel ist eine sehr gegenständliche Sprache. Französisch ist – es ist schwierig, das in Worte zu fassen – man könnte sagen, Französisch ist lustvoller (lacht) … – aber das klingt so klischeehaft. Trotzdem merke ich, dass ich mich anders bewege, ob ich nun in Frankreich bin und französisch spreche, oder ob ich in Österreich bin und Deutsch spreche. Bei Englisch ist es für mich schwieriger, die Sprache körperlich zu verorten. Englisch ist für mich eher eine Krücke zur Kommunikation.