secret sight: dossier

Konzeption, Choreografie
Saskia Hölbling
Tanz, Choreografie
Saskia Hölbling
Moravia Naranjo
Stephen Thompson
Musik
Heinz Ditsch
Licht, technische Leitung
Reto Schubiger
Künstlerische Beratung
Gilles Amalvi


„F on a pale ground“, das vorherige Stück von Saskia Hölbling, zeigte in Ritualen verhaftete Körper, die imaginäre Parcours, Bahnen des Verlangens und der Abstoßung erfanden. Mit „secret sight“ kehrt die Künstlerin zu einer intimeren Materialität der Körper zurück, die nun eine abstrakte Landschaft, eine Komposition aus Bewegungen, Tönen, Stimmen und Licht erforschen. Wie ausgeschnitten aus der weißen Bühne, treten Körper aus der Fläche hervor, grenzen sich ab und begegnen sich – zu zweit, zu dritt. Aus diesen Begegnungen entstehen Zustände – Ungewissheit, Abgrenzung, Verdichtung, Beschleunigung – Zeichen gleich, die die leere Seite füllen, sich in eine unaufhörliche Bewegung des Kommens und Gehens, von Spannung und Entspannung einschreiben und auslöschen.

Ein Körper erscheint, ein Körper verschwindet, zieht sich in sich selbst zurück, durchquert eine Schockzone. Ein Körper vergisst seine Grenzen, derangiert, deformiert einen anderen Körper. Selbst im Ruhezustand sind die Körper von Linien durchzogen – Verbindungslinien, Bruchlinien, unterbrochenen, abgesetzten Linien, die anderen Dynamiken folgend wieder aufgenommen werden. Aus einer Begegnung kann eine Situation werden, ein Moment, der keinem der Körper gehört, aber den Raum verdichtet: eine Situation, die sich verwandelt, sich auf andere Ereignisse einstimmt. Eine Situation, die sich im Raum verlagert, den Zeitbegriff erweitert; die zur Grenze einer anderen Situation, eines anderen Ereignisses werden oder sich auflösen, sich in der Landschaft verlieren kann. Rund um diese verschlungenen Körper schwirren Stimmfragmente – Gesang, Schreie, Flüstern. Unterschiedliche Kompositionsebenen werden nach und nach freigelegt, die sich kreuzen, ohne einander zu interpretieren, sich berühren, ohne die Geschichte ihrer Begegnung zu erzählen.

Eine Geste entfaltet die nächste, hebt sich auf, unterstützt eine andere Entwicklung. Zwei voneinander getrennte Körper antworten einander quer durch den Raum. Eine Linie hält inne, eine Linie setzt sich fort. Stille. Eine Stimme flüstert, eine Stimme erhebt sich, unterbricht sich. Dunkel.

„secret sight“ kann als Partitur gelesen werden, als Fuge, deren Themen ohne Unterlass neu aufgegriffen werden. Durch ein Verweben dieser Fluchtlinien, das ihre lineare oder narrative Entwicklung verhindert, versucht Saskia Hölbling aus der Begegnung eine Dimension auftauchen zu lassen, die dem jeweiligen Körper nicht vorausgeht, die nichts anderes – nichts darüber hinaus – besagt. Rund um die Körper und Stimmen berühren sich Leerräume – ermöglichen eine Annäherung an jene verborgene Sichtweise, wo Betrachtung Gehör findet.

Text von Gilles Amalvi


Eine DANS.KIAS  Produktion.
Koproduziert vom Tanzquartier Wien und unterstützt vom Choreographic Center Linz im Rahmen einer Residenz.
DANS.KIAS wird subventionniert von der Kulturabteilung der Stadt Wien.