superposition corps: interview

mit Saskia Hölbling
von Gilles Amalvi für die Rencontres Chorégraphiques Internationales de Seine-Saint-Denis

   
Ihre choreografische Arbeit geht vom Körper als Rohmaterial aus, von einem Körper, der aus Schichten besteht, die man durchdringen muss, um in die Tiefe zu gelangen. Welche neue Ebene haben Sie dabei mit „superposition corps“ erreicht?

Im Arbeitsprozess zu „superposition corps“ lag die Betonung auf Zuständen der Zerstreuung, wobei wir uns von Anfang an insbesondere an Freude und Vergnügen orientierten. Wichtig dabei war, dass die Arbeit an den Augen und an anderen körperlichen Kontaktstellen nicht wirklich funktionsorientiert war, um die Entdeckung anderer Zustände, anderer Vorstellungen zu ermöglichen, das Wagnis, einer anderen Logik zu folgen, einzugehen ... dem Körper zu gestatten, wild zu werden.

Eine der Aufgaben, die wir uns stellten, bestand beispielsweise darin, die Augen „auszuschalten“ und zuzulassen, dass die Blicke einander unabhängig kreuzen, eine andere darin, den Beckenboden zu entspannen und zu kontrahieren, oder die Fingerspitzen mit dem Inneren des Beckens zu verbinden ... – wobei diese Körperteile immer als lebende Substanz erkannt werden (und nicht nur als Struktur): Wir möchten die verschiedenen Qualitäten von Verbindungen, imaginierten Kontakten erforschen und diese Empfindungen im gesamten Körper sich ausbreiten lassen, diesen körperlichen Sehnsüchten, Empfindungen folgen, die Lust genießen, die dadurch entsteht, sie untersuchen, erneut genießen, uns von ihr einnehmen lassen, uns ihr hingeben und dieser anderen Imagination, die erscheint, nachgehen.

Es ist, als ob man in eine andere Welt eintritt, eine Welt jenseits der Effizienz, des Nützlichen und Vernünftigen. Über diese entsozialisierten Körper öffnet sich ein Universum, das kaum erforscht ist, ein in seiner Fragilität wildes Universum, das unbekannt, schwer in Worte zu fassen, aber seltsam nahe ist. Das Unbekannte versucht das Fremde zu fördern.

Ihre voriges Stück „exposition corps“ war ein Solo. In dieser neuen Produktion sind Sie Teil des Ensembles. Was verändert sich dadurch in Hinblick auf die Erforschung des Körpers?

Da ich seit der Gründung von DANS.KIAS im Jahr 1995 mit dem Ensemble arbeite, sollte die Frage eher lauten: „Warum hast du dich nach „other feature“ dazu entschlossen, ein Solo zu machen?“ Für mich war „other feature“ der Beginn der Entdeckung innerer Räume, dieses ungeheuren Reichtums und Potenzials, das es zu erforschen gilt – mit extremen Restriktionen: nackte Frauenkörper bzw. Rücken, ohne einen Blick auf das Gesicht zu gestatten, ohne die leiseste Geste, ohne Verweis auf den äußeren Raum. Da ich diese Produktion von außen geleitet habe, hatte ich ein großes Bedürfnis, die Erfahrungen aus dem Arbeitsprozess von „other feature“ zu verkörpern und weiterzuführen – alleine. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, das Solo „exposition corps“ zu machen.

Ich wollte die Idee vertiefen und ausweiten, die Grenzen verschieben, ohne das Wesentliche aufzugeben: Bewegungen nicht aus äußeren Bildern, sondern aus einem inneren Impuls entwickeln, der Anstoß für die Erforschung innerer Räume ist. Bei der Arbeit an „superposition corps“ geht es um die Konfrontation der individuellen Zustände im Sinne von Koexistenz und um die Überlagerung der Präsenzen. Es geht dabei nicht um Berührungen, sondern um sensorische Kontakte mit den anderen. Selbst wenn die Bahnen der Tänzer individuell bleiben, bildet sich ein kollektiver Körper, der anwächst, und sogar die Körper der Zuseher einbezieht. Sie sind von Beginn an mit dabei, wenngleich eben als Zuseher, und gegen Ende des Stücks gewissermaßen Teil davon. Guido Reimitz hat bei dem Stück Regie geführt und war für die interaktiven Räume zuständig.
Wie arbeiten Sie mit den verschiedenen Darstellern? Wie entsteht diese Intimität, die den Körper aller reflektiert?


Ich habe zuerst mit jedem Tänzer eine geraume Weile alleine gearbeitet. Intimes tritt nur über Intimität in Erscheinung. Wir haben begonnen, physische Beschränkungen zu erforschen. Jeder Tänzer geht anders an diesen Tanz heran, das muss man respektieren und ergründen. Nach dieser Solo-Phase hatte jeder Tänzer einen Part von etwa 25 Minuten. Dann begannen wir diese Solos zu konfrontieren/zu überlagern, wobei wir die Individualität der einzelnen Parts respektierten.

Der Körper in seiner Tiefe wird in unserer Gesellschaft nur allzu oft verdrängt und durch Werbeästhetik ersetzt. Besteht für Sie die Notwendigkeit, diesen verborgenen Teil zu erforschen?

Es braucht Körper und wilde Fantasien, es braucht eine gewisse Anarchie, das Chaos als lebendige Dimension, es braucht auch eine andere Logik jenseits des Funktionalismus, der Effizienz und des Nützlichen. Es braucht Widerstand, das ist eine Notwendigkeit.